Unsere Reise begann mit der Landung in Medan – laut, heiß und herrlich chaotisch. Viel Zeit blieb uns dort allerdings nicht, denn unser Fahrer wartete schon und vier Stunden Autofahrt lagen vor uns, hinein ins Landesinnere nach Bukit Lawang. Je weiter wir die Stadt hinter uns ließen, desto ländlicher wurde es. Kleine Dörfer zogen vorbei, einfache Häuser, Kinder spielten am Straßenrand und winkten uns zu. Und dann waren da immer wieder diese endlosen Ölpalmenplantagen. Für sie musste in den vergangenen Jahrzehnten viel Regenwald weichen – ein Thema, das auf Sumatra allgegenwärtig ist. Gleichzeitig gibt es hier aber auch riesige Schutzgebiete. Der Gunung Leuser National Park gehört zu einem der letzten großen zusammenhängenden Regenwaldgebiete Südostasiens und ist UNESCO-Weltnaturerbe. Hier leben noch Orang-Utans, Sumatra-Tiger und Nashörner – wenn auch stark bedroht.

Nach der langen Fahrt wurden wir in unserem kleinen Hotel mit einem eiskalten Zitronentee begrüßt, genau das Richtige bei dieser Hitze. Sechs Bungalows, eine kleine Rezeption, ein überschaubarer Restaurantbereich – alles familiär, ruhig und herzlich. Carina schaffte es tatsächlich noch unter die Dusche, während ich einfach nur aufs Bett fiel und zwei Stunden im Tiefschlaf verschwand. Jetlag und Tropenhitze sind wirklich eine fiese Kombination. Am Abend saßen wir im Restaurant, aßen Nasi Goreng und spürten diese Mischung aus Vorfreude und Respekt. Am nächsten Morgen sollte unser Dschungel-Abenteuer beginnen.
Nach dem Frühstück liefen wir los, noch ein paar Hundert Meter durch die Nachbarschaft, über eine kleine Fußgängerbrücke – und dann standen wir mitten im Gunung-Leuser-Nationalpark. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze ließen mich schon nach 200 Metern förmlich zerfließen. Anfangs waren die Wege noch gut erkennbare Pfade, die sich rauf und runter durch den Wald schlängelten. Immer wieder begegneten wir anderen Abenteurern mit ihren Guides. Nach zwei Stunden machten wir eine längere Pause und plötzlich lag vor uns ein ganzes Früchtebuffet auf Bananenblättern – mitten im Dschungel. Süße Ananas, saftige Wassermelone, alles schmeckte doppelt so gut nach diesem schweißtreibenden Start.
Nach der kurzen Erholung wurde es anspruchsvoller. Je tiefer wir in den Dschungel vordrangen, desto schlechter wurden die Wege. Mal ging es steil bergauf, dann wieder rutschig hinab Richtung Fluss. Man merkte deutlich, dass wir das Gebiet der Tagesausflügler hinter uns gelassen hatten. Wir sahen Makaken, Gibbons, einen prächtigen Pfau und sogar eine kleine asiatische Waldschildkröte, doch ein Orang-Utan ließ sich nicht blicken. Unser Mittagessen nahmen wir irgendwo im Wald ein, umgeben von dichtem Grün und diesem nie endenden Konzert aus Insekten und Vogelrufen. Das letzte Stück bis zum Camp hatte es dann noch einmal in sich. Die Pfade wurden schmaler, wilder, abenteuerlicher. Ich glaube wirklich, ich habe noch nie so geschwitzt wie bei dieser Wanderung. Wem schon einmal Schweiß von der Nasenspitze getropft ist, weiß genau, wovon ich rede.
Als wir endlich ankamen, lag unser Camp idyllisch an einem kleinen Bachlauf. Wir warfen die Rucksäcke in die Ecke, zogen die Schuhe aus und hielten unsere Füße erst einmal in das angenehm kühle Wasser. Nach sechs Stunden Wanderung bei rund 30 Grad und gefühlt 99 Prozent Luftfeuchtigkeit war das die pure Erlösung. Das Camp bestand aus ein paar rustikalen Unterständen aus Holz und Blech, geschlafen wurde auf einfachen Matten unter einem gespannten Moskitonetz – echte Dschungelromantik. Den Bach nutzten wir gleich als Dusche und saßen später mit frischem Tee am Ufer, während der Wald langsam in das warme Licht des Nachmittags getaucht wurde. Abends gab es bei Kerzenschein ein leckeres, typisch indonesisches Essen mit verschiedenen Currys, das wir gemeinsam mit unseren beiden Guides genossen.
Tagsüber war der Dschungel schon laut mit all seinen Insekten, Vögeln und dem entfernten Affengebrüll, doch nachts erwachte der Wald erst richtig zum Leben. Zum Rauschen des Baches gesellten sich Froschgesänge und unzählige Geräusche, die ich nicht einmal ansatzweise zuordnen konnte. Ich lag auf meiner Matte, starrte ins Dunkel und war gleichzeitig fasziniert und leicht überfordert. Zum Glück hatte ich Oropax dabei, sonst hätte ich vermutlich kein Auge zugemacht.
Am nächsten Morgen ging es nach einem Tee und etwas Frühstück weiter auf die Suche nach Orang-Utans. Drei Stunden lang kämpften wir uns erneut bergauf und bergab durch den Dschungel. Der Schweiß lief in Strömen und meine Kleidung war so nass, als wäre ich gerade aus dem Fluss gestiegen. Trotzdem trug uns die Hoffnung weiter. Unterwegs beobachteten wir eine Familie Thomas-Blattaffen mit ihrem Nachwuchs. Mit ihren kleinen Irokesenfrisuren sahen sie fast ein bisschen punkig aus und wir hätten ihnen stundenlang zuschauen können.
Das letzte Stück wurde noch einmal zur echten Herausforderung. Ein steiler, lehmiger Abhang führte hinunter ins Tal. Teilweise waren dünne Seile gespannt, an denen man sich festhalten konnte, doch meistens rutschte ich einfach kontrolliert den Hang hinunter. Mit klassischem Wandern hatte das nicht mehr viel zu tun. Unten am Fluss ließen wir unser Gepäck zurück, denn ein Stück weiter oben am Hang sei ein Orang-Utan gesichtet worden. Eigentlich waren meine Beine schon schwer wie Blei, aber nach all den Stunden wollte ich jetzt nicht aufgeben. Also nahmen wir auch die letzten 300 Meter bergauf in Angriff. Oben standen bereits einige andere Touristen und blickten in die Baumkronen. Wir stellten uns dazu, noch völlig außer Atem, und dann sahen wir sie.
Eine schwangere Orang-Utan-Dame lag in ihrem selbstgebauten Nest und hielt ein kleines Mittagsschläfchen. Orang-Utans bauen sich jeden Mittag und jeden Abend hoch oben in den Bäumen ein neues Nest aus Ästen und Blättern, und mir war vorher gar nicht bewusst gewesen, was für beeindruckende Baumeister sie sind. Zunächst sah man nur ein wenig rotes Fell zwischen den Zweigen, doch dann drehte sie sich und schaute direkt zu uns herunter. Ihr Blick wirkte ruhig, fast neugierig, als wolle sie wissen, wer da unten so angestrengt nach oben starrt. Es war unglaublich, ihre Mimik und Gestik aus dieser Nähe zu beobachten. Orang-Utans leben im Gegensatz zu Gorillas oder Schimpansen meist als Einzelgänger, und die Weibchen kümmern sich sechs bis sieben Jahre lang intensiv um ihren Nachwuchs. Kein Wunder also, dass ihre Population nur sehr langsam wächst und sie so bedroht sind. In diesem Moment war all der Schweiß, der Schlamm und die Anstrengung vergessen.
Zurück am Fluss sprangen wir erst einmal ins kühle Wasser und aßen anschließend gemeinsam Mittag. Danach wartete schon das nächste Highlight auf uns: die Rafting-Tour zurück nach Bukit Lawang. In drei zusammengebundenen alten Reifen machten wir uns zu fünft plus Gepäck auf den Weg stromabwärts. Vorne lenkte ein Einheimischer mit einem Stock und den Füßen, hinten saß ein weiterer Steuermann, während wir in der Mitte versuchten, halbwegs trocken zu bleiben. Bei jeder Stromschnelle wurden wir ordentlich durchgeschüttelt und klatschnass. Wir lachten Tränen, denn dieses improvisierte Schlauchboot aus alten Treckerreifen und ein paar Seilen war einfach typisch Indonesien. Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir Bukit Lawang und nahmen für die letzten Meter zum Hotel noch ein Tuk-Tuk. Es war einer dieser Tage, die man so schnell nicht vergisst.
An unserem vierten Tag erkundeten wir mit unserem Dschungel-Guide das Dorfleben. Mit dem Tuk-Tuk fuhren wir durch Bukit Lawang und die umliegenden Orte, hielten immer wieder an und bekamen Einblicke in den Alltag der Menschen. Er zeigte uns, wie Tempeh, Tofu, brauner Zucker und sogar Palmdächer hergestellt werden. Es war keine spektakuläre Tour, aber eine, die uns ein Gefühl für das einfache Leben hier gab.
Am Nachmittag besuchten wir noch die Fledermaushöhle. Wir hatten mit einer kleinen, leicht zugänglichen Höhle gerechnet, doch stattdessen kletterten wir über rutschige Felsen, quetschten uns durch enge Spalten und standen schließlich in einer Tropfsteinhöhle mit beeindruckenden Stalagmiten und Stalaktiten. Durch Risse in der Decke wuchsen Baumwurzeln hinunter in die Dunkelheit. Je tiefer wir kamen, desto mehr Fledermäuse entdeckten wir. Zuerst kleine, insektenfressende Tiere, die direkt an der Decke hingen, später größere Fruchtfledermäuse, die in dichten Gruppen über uns baumelten. Es roch entsprechend intensiv nach Guano und ich versuchte trotzdem, ein paar Fotos mit dem Handy zu machen. Es war wieder einmal eine dieser Erfahrungen, die gleichzeitig faszinierend und ein bisschen herausfordernd sind.
An unserem letzten Tag fuhren wir noch vor dem Frühstück nach Tangkahan. Zwei Stunden ging es über holprige Straßen mit riesigen Schlaglöchern durch kleine Dörfer und grüne Landschaften. Unser Ziel war ein Sanctuary für Sumatra-Elefanten. Als wir ankamen, waren wir zunächst zu früh und frühstückten erst einmal in Ruhe. Um neun Uhr durften wir schließlich zu den Elefanten, doch der erste Eindruck traf uns hart: Die Tiere standen in einem Gehege und waren einzeln angebunden. So hatten wir uns ein Sanctuary nicht vorgestellt und drehten erst einmal um, weil wir das auf keinen Fall unterstützen wollten. Unser Fahrer bemerkte unsere Reaktion sofort und organisierte ein Gespräch mit einem der Tierpfleger. Er erklärte uns, dass die Elefanten nur zur Fütterung kurzzeitig getrennt und angebunden werden, damit die stärkeren Tiere den schwächeren nicht alles wegnehmen. Danach würden sie im Fluss baden und den restlichen Tag im Dschungel verbringen, wo sie auch bei Patrouillen entlang der Parkgrenze helfen, um illegale Wilderei und Abholzung einzudämmen.
Nach diesem Gespräch entschieden wir uns, es uns doch genauer anzuschauen. Im knietiefen Wasser des Flusses durften wir die Elefanten mit Bürsten schrubben. Sie wirkten entspannt, genossen das Wasser und unsere etwas unbeholfenen Massageversuche. Es war beeindruckend, diesen gewaltigen Tieren so nah zu sein und ihnen in ihre großen braunen Augen zu schauen. Gleichzeitig blieb ein mulmiges Gefühl. Diese Elefanten gelten als Problem-Elefanten, weil sie Zäune und Teile von Plantagen zerstört haben – Plantagen, die auf ihrem ursprünglichen Lebensraum stehen. Der Umgang mit ihnen gefiel uns nicht in allen Punkten, und auch dass sie für Patrouillen geritten werden, hinterließ gemischte Gefühle. Andererseits sind sie hier sicher und vor dem Tod bewahrt, der ihnen zuvor von Teilen der Bevölkerung angedroht worden war. Wir fühlten uns hin- und hergerissen.
Unser Eingreifen in die Natur und der Versuch, Wildnis zu schützen, sind selten einfache oder perfekte Lösungen. Wir haben diesen Zwiespalt in vielen Ländern unserer Reise gespürt und sind mehr denn je überzeugt, dass auch wir in Deutschland mehr für unsere verbliebene Natur tun müssen. Stand 2026 sind lediglich 5,4 Prozent der Fläche Deutschlands als Naturschutzgebiete oder Nationalparks ausgewiesen. Vielleicht sollten wir alle ein Stück mehr Verantwortung übernehmen, damit nicht auch unsere letzte Wildnis irgendwann nur noch eine Erinnerung ist.
Affige Grüße aus dem Dschungel Sumatras
Andi



